KI in der Wirtschaftsprüfung: Zwischen Effizienzgewinn und Verantwortung
KI wird Teil des Prüfungsalltags
Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsthema mehr. Ob automatisierte Datenanalysen, intelligente Dokumentenauswertung oder generative KI-Anwendungen: Die Technologie hält zunehmend Einzug in Unternehmensprozesse und verändert auch die Arbeit von WirtschaftsprüferInnen.
Gleichzeitig stellen sich neue Fragen. Welche Aufgaben dürfen durch KI unterstützt werden? Wo bleibt die Verantwortung des Wirtschaftsprüfers unverändert bestehen? Und welche Auswirkungen hat der Einsatz von KI auf Governance, interne Kontrollen und die Abschlussprüfung?
Mit dem IDW PS 861 hat das Institut der Wirtschaftsprüfer bereits vor einigen Jahren einen Standard geschaffen, der die Prüfung von KI-Systemen ermöglicht und Unternehmen sowie PrüferInnen Orientierung beim Umgang mit KI gibt. Doch was bedeutet das konkret für die Praxis?
KI als Werkzeug in der Prüfung: Wo der Einsatz heute schon Sinn ergibt
Die Wirtschaftsprüfung verarbeitet seit jeher große Datenmengen. Entsprechend groß ist das Potenzial für den Einsatz künstlicher Intelligenz. 78 Prozent der deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben mittlerweile ein eigenes KI-Kompetenzzentrum aufgebaut. (Quelle)
Der Treiber dafür ist nachvollziehbar: Bei der Belegprüfung, der Analyse großer Buchungsdatenmengen oder der Identifikation von Auffälligkeiten in Kontenstrukturen kann KI Prüfungsteams entlasten und Muster aufzeigen, die in einer rein manuellen Stichprobenprüfung leicht übersehen werden. Dadurch lassen sich Prozesse beschleunigen und PrüferInnen können ihre Aufmerksamkeit stärker auf risikobehaftete Sachverhalte richten. Für MandantInnen bedeutet das nicht automatisch eine andere Prüfung – wohl aber häufig eine, die zielgerichteter auf tatsächliche Risikobereiche eingeht.
IDW PS 861: Der erste Standard für die Prüfung von KI-Systemen
Mit dem IDW Prüfungsstandard 861 hat das Institut der Wirtschaftsprüfer bereits 2023 einen Rahmen geschaffen, um KI-Systeme selbst zum Gegenstand einer Prüfung zu machen – angelehnt an den internationalen Standard ISAE 3000 für betriebswirtschaftliche Prüfungen außerhalb der Abschlussprüfung. Vereinfacht gesagt kann untersucht werden, ob ein KI-System angemessen konzipiert wurde und ob die definierten Kontrollen im laufenden Betrieb tatsächlich funktionieren. Für Unternehmen, die KI-Systeme in wesentlichen Geschäftsprozessen einsetzen, eröffnet das die Möglichkeit, sich die Verlässlichkeit dieser Systeme unabhängig bestätigen zu lassen.
Die Verantwortung bleibt bei der PrüferInnen
So leistungsfähig moderne KI-Systeme auch sein mögen: Die berufliche Verantwortung lässt sich nicht delegieren. WirtschaftsprüferInnen müssen weiterhin eigenständig beurteilen, ob Prüfungshandlungen angemessen durchgeführt wurden und ob die gewonnenen Erkenntnisse belastbar sind. Ergebnisse einer KI-Anwendung dürfen nicht ungeprüft übernommen werden.
Dies gilt insbesondere bei generativen KI-Systemen. Diese können Inhalte überzeugend formulieren und komplexe Zusammenhänge darstellen. Dennoch besteht das Risiko fehlerhafter oder unvollständiger Ergebnisse. Fachliche Plausibilisierung und kritische Würdigung bleiben daher unverzichtbar.
Die Technologie ersetzt den Menschen also keineswegs. Vielmehr verändert sich die Rolle der Wirtschaftsprüfung. Der Fokus verschiebt sich von der reinen Datensichtung hin zur fachlichen Einordnung, Plausibilisierung und kritischen Beurteilung der Ergebnisse.
Neue Herausforderungen für Governance und interne Kontrollen
Mit der zunehmenden Nutzung von KI entstehen auch neue Anforderungen an das interne Kontrollsystem.
Unternehmen müssen nachvollziehen können,
- welche KI-Anwendungen eingesetzt werden,
- auf welchen Daten diese basieren,
- wer für die Ergebnisse verantwortlich ist,
- welche Risiken mit dem Einsatz verbunden sind und
- wie die Ergebnisse überwacht und kontrolliert werden.
Besonders relevant sind dabei Fragen der Datenqualität, des Datenschutzes, der Informationssicherheit sowie möglicher Verzerrungen in den verwendeten Modellen.
Aus Sicht der Unternehmensführung wird es immer wichtiger, klare Verantwortlichkeiten und Richtlinien für den Einsatz von KI festzulegen. Der kontrollierte Umgang mit neuen Technologien entwickelt sich zunehmend zu einem Governance-Thema.
Neue Fragestellungen, wenn Mandanten selbst KI einsetzen
Je stärker Unternehmen KI in ihren Geschäftsprozessen einsetzen, desto stärker rückt das Thema auch in den Fokus der Abschlussprüfung.
PrüferInnen müssen verstehen, wie KI-Systeme in Prozesse eingebunden sind und welche Auswirkungen sich daraus auf das interne Kontrollumfeld ergeben. Dabei geht es nicht nur um technische Fragestellungen, sondern insbesondere um die Verlässlichkeit von Informationen und die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen.
Unternehmen sollten deshalb frühzeitig dokumentieren,
- welche Systeme genutzt werden,
- welche Prozesse betroffen sind,
- wie Risiken überwacht werden und
- welche Kontrollmaßnahmen implementiert wurden.
Gerade hier kann der IDW PS 861 als zusätzliches, freiwilliges Prüfungsinstrument an Bedeutung gewinnen – unabhängig von der eigentlichen Abschlussprüfung.
Die KHS-Perspektive
Künstliche Intelligenz bietet erhebliche Chancen für Unternehmen und Wirtschaftsprüfung gleichermaßen. Prozesse können effizienter gestaltet, Analysen vertieft und Risiken früher erkannt werden.
Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Governance, Kontrolle und Verantwortlichkeit. Je stärker KI in Unternehmensprozesse integriert wird, desto wichtiger werden klare Regeln, nachvollziehbare Entscheidungen und wirksame Kontrollmechanismen.
Die zentrale Erkenntnis lautet daher: KI kann unterstützen, beschleunigen und neue Möglichkeiten eröffnen. Die Verantwortung für Entscheidungen bleibt jedoch beim Menschen.
KI in der Wirtschaftsprüfung ist kein abstraktes Zukunftsthema, sondern – auch bei uns – bereits Teil der Prüfungspraxis. Sowohl als Werkzeug auf unserer Seite als auch als möglicher Prüfungsgegenstand. Gleichzeitig beobachten wir, dass Unternehmen zunehmend vor der Frage stehen, wie sich KI-Anwendungen dokumentieren, kontrollieren und in bestehende Governance- und Compliance-Strukturen integrieren lassen. Hier unterstützen wir bei der Einordnung regulatorischer Anforderungen und bei der Vorbereitung möglicher Prüfungen.
Sie möchten wissen, welche Auswirkungen der Einsatz von KI auf Ihr internes Kontrollsystem, Ihre Compliance-Strukturen oder die Abschlussprüfung haben kann? Sprechen Sie uns gerne an.
